Folge 15: Forschen hautnah (3): Rebecca und die Fliegen
Shownotes
Bei der Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen in der Umwelt spielen Fliegen eine wichtige Rolle. Fliegen können Bakterien aufnehmen und weitertragen. Wenn sie mit belasteten Lebensmitteln oder Oberflächen in Kontakt kommen, können sich Bakterien über ihre Körperoberfläche, ihren Kot oder über sogenanntes Regurgitat verbreiten. Dabei stülpen Fliegen einen Teil ihres Mageninhalts auf die Nahrung, um diese aufzunehmen. Mit dieser Problematik befasst sich Rebecca Paintner in ihrer Doktorarbeit. Die Arbeit von Rebecca betreuen Dr. Doreen Werner vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg und Professor Dr. Ulrich Nübel vom Leibniz-Institut DSMZ-Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH (DSMZ), Braunschweig. Wie sie zu der Promotionsstelle gekommen ist, was sie motiviert und wie sie arbeitet, darüber spricht die Biologin in Folge 15 des Podcast „Mikroben im Visier“.
Rebeccas Arbeit verbindet Zoologie, Ökologie und molekulare Forschung. Für ihr großes Feldexperiment wird sie in einem kooperierenden Schweinemastbetrieb 60 Fliegenfallen aufhängen. Damit untersucht sie über mehrere Monate hinweg die Populationsdynamik – also die Frage, wann und unter welchen Umweltfaktoren (wie Temperatur und Luftfeuchtigkeit) die Fliegenpopulation so stark wächst, dass die Insekten vom Stall weg in die Umwelt schwärmen. Parallel dazu untersucht sie im Labor, wie viele Bakterien über Kot und Regurgitate ausgeschieden werden, in welche Frequenz und wovon das abhängt. „Dazu züchte ich mir Fliegen im Labor […]. Ich möchte die Fliegen mit einer bestimmten Menge an Pathogenen füttern und dann auf eine Platte setzen und testen, wie oft kommt es zu einem Regurgitations-Event, wie oft kommt es zum Koten. Diese Flecken, die dabei entstehen, möchte ich aufnehmen und schauen, wie hoch ist die Bakterienbelastung in diesen“, erklärt Rebecca.
Ihr Alltag besteht dabei nicht nur aus Experimenten. Viel Zeit fließt in Planung, Literaturrecherche und das Lösen unerwarteter Probleme. „Ich kann mich richtig reinbeißen“, sagt Rebecca über ihre Arbeitsweise. Nach mehreren Fehlversuchen weiterzumachen und herauszufinden, warum etwas nicht funktioniert, sei eine wichtige Fähigkeit in der Forschung.
Begriffserklärungen
Antimikrobielle Resistenzen (AMR): Die Unempfindlichkeit von Krankheitserregern (Bakterien, Pilzen, Viren, Parasiten) gegenüber Medikamenten. Das bedeutet: Ein Medikament, das früher gewirkt hat, kann den Erreger nicht mehr abtöten oder stoppen.
Regurgitation: Fliegen können nicht beißen. Um feste Nahrung aufzunehmen, erbrechen sie ein Sekret, das die Nahrung flüssig macht, so dass sie es über ihren Rüssel aufsaugen können. Dieser Prozess des Erbrechens von Sekret auf feste Nahrung wird Regurgitation genannt.
Weitere Informationen:
Mikroben im Visier Folge 2: Die stille Pandemie (mit Infos zu Fliegen als Überträger von antimikrobiellen Resistenzen, ca. ab Minute 16)
Transkript anzeigen
Christian Nehls: Mikroben im Visier
Elisabeth Pfrommer: Ein Podcast des Forschungsverbunds Leibniz INFECTIONS. Am Mikrofon begrüßen euch Elisabeth Pfrommer vom Robert Koch-Institut
Christian Nehls: Und Christian Nehls vom Forschungszentrum Borstel. Willkommen zu einer neuen Folge von Mikroben im Visier, dem Podcast des Forschungsverbundes Leibniz INFECTIONS. Zentrales Thema im Verbund und auch im Podcast sind Wirkstoffresistenzen von Bakterien, Pilzen und anderen Mikroorganismen.
Elisabeth Pfrommer: In verschiedenen Projekten erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Verbunds unter anderem, wie sich Resistenzen ausbreiten. Dabei geht um es die Verbreitung von Mensch zu Mensch, aber auch um die Ausbreitung in der Umwelt, in der Tierhaltung und in der Landwirtschaft.
Christian Nehls: Wie diese Forschung ganz konkret aussieht, ist Thema unserer Reihe Forschen hautnah. In der heutigen Folge lernen wir Rebecca Paintner kennen. Sie ist seit kurzem Doktorandin im Forschungsverbund Leibniz INFECTIONS. Und in ihrem Projekt geht es unter anderem Stubenfliegen. Die Arbeit von Rebecca betreuen Dr. Doreen Werner vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung, dem ZALF in Müncheberg und Prof. Dr. Ulrich Nübel vom Leibniz-Institut DSMZ, der Deutschen Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH in Braunschweig. Ulrich haben wir übrigens in der nächsten Folge zu Gast. Er ist Experte für die Erbgutinformation von Bakterien und kann daraus herleiten, wo der jeweilige Erreger herkommt und wie er sich verbreitet hat.
Elisabeth Pfrommer: Doreen ist Biologin und beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit Insekten. Wenn ihr mehr über Doreens Forschung wissen wollt, hört einfach nochmal in Folge 2 rein. Ungefähr ab Minute 16 spricht sie über ein Citizen-Science-Projekt, bei dem es um Fliegen als Überträger antimikrobieller Resistenzen ging. Und auch in Rebeccas Forschungsprojekt wird es um die Fliegen gehen. Aber erstmal wollen wir sie ein bisschen kennenlernen und ihre Arbeit in mehreren Podcast Folgen über einen längeren Zeitraum begleiten. Dabei interessieren wir uns natürlich für die Ergebnisse ihrer Arbeit, aber auch der Weg dahin, die Hürden und Zweifel und die Highlights. Ja hallo Rebecca, schön, dass du da bist. Bitte stell dich doch einmal ganz kurz vor.
Rebecca Paintner: Hallo, schön, dass ich da sein darf. Ich habe meinen Bachelor und meinen Master in Regensburg gemacht. Dort habe ich Biologie studiert und bin jetzt eben für meine Promotion nach Braunschweig gezogen. In meinem Bachelor habe ich mich viel mit Zoologie beschäftigt und auch meine Bachelorarbeit im Bereich der Zoologie geschrieben, wo ich die Bittertoleranz von Ameisen untersucht habe. Und meine Masterarbeit habe ich mehr in der molekularen Richtung gemacht, in Biochemie, wo es um „Chromatin Remodeler“ und Interaktionen mit DNA-Tripleg-Strukturen ging. Ich wollte dann aber in der Promotion was machen, was beide Fächer so ein bisschen miteinander kombiniert.
Elisabeth Pfrommer: Also ich habe es leider gar nicht verstanden, worum es in deinem Bachelor und deinem Master ging. Vielleicht kannst das noch mal in einfacheren Worten sagen.
Rebecca Paintner: Auf alle Fälle. Ich habe in meiner Bachelorarbeit Ameisen getestet, ob sie Zuckerlösungen mit Bitterstoffen akzeptieren und welche Mengen an Bitterstoffen sie akzeptieren. Da habe ich invasive Arten verglichen, also Arten, die von irgendwo anders herkommen und hier sich einnisten und potenziell gefährlich werden können und heimische Arten, die ganz natürlich vorkommen. Und Biochemie war dann schon deutlich komplizierter. Wir haben bei der DNA normalerweise zwei Stränge. Es gibt auch DNA-Strukturen, die dann drei Stränge haben, die sogenannten Triplex-Strukturen. Und „Chromatin Remodeler“ sind Mechanismen, die dafür sorgen, dass die DNA, die normalerweise aufgewickelt ist, hin und her geschoben werden kann. Natürlich ist irgendwo der Gedanke, dass diese beiden Mechanismen interagieren können und dadurch irgendwie bewirken, dass die Gene unterschiedlich abgelesen werden können.
Christian Nehls: Du bist also sozusagen schon Expertin für Erbinformation.
Christian Nehls: Expertin würde ich mich jetzt nicht nennen, aber ich habe zumindest ein bisschen Ahnung.
00:03:51: Und wenn ich nochmal nachfragen darf, wie bist du auf die Idee gekommen, so etwas zu studieren, also Richtung Biologie, Biochemie?
Rebecca Paintner: Ich fand vor allem in der Oberstufe die Themen richtig interessant Richtung Genetik. Auch Ökologie fand ich cool, wie alles, was in der Natur ist, wie das miteinander interagiert und was passieren kann, wenn man beispielsweise eine Sache rausnimmt oder irgendwo anders wieder einführt. Und dann habe ich ein Jahr Pause gemacht tatsächlich, um wirklich zu überlegen, ist es das, was ich machen möchte, habe Praktika gemacht; und dann beschlossen, das ist das, was mich interessiert, und ich fang mit dem Bachelor an und sehe, wie's läuft.
Elisabeth Pfrommer: Ja, das ist immer ein guter Plan, erst mal anfangen und dann gucken. Du meintest ja schon gerade, dass du quasi Zoologie und Genetik miteinander kombinieren wolltest, und du dich deswegen auf die Promotion beworben hast. Vielleicht kannst du ja noch mal ganz kurz so bisschen erzählen, wie der Prozess war, wie du sozusagen von deinem Master dann wirklich zu dieser Promotionsstelle gekommen bist; und ob das auch jetzt erstmal nur ein „Ich fang mal an und dann schauen wir“ oder ob das sozusagen ein „Okay, ich weiß genau, das ist es und das will ich zu Ende ziehen“.
Rebecca Paintner: Klar, ich habe eben nach Abgabe der Masterarbeit geschaut, was es für Promotionsstellen gibt, schon auch mit dem Hintergedanken, irgendwas zu machen in der Kombination Zoologie, Ökologie und molekulare Arbeiten, einfach, wenn man das molekulare Arbeiten sehr viel Spaß macht. Ich habe mich auf verschiedene Stellen beworben, habe bei verschiedenen Stellen Einladungen bekommen zu Bewerbungsgesprächen und dann hier auch das Bewerbungsgespräch bekommen. Ich habe mich auch mit allen während dem Gespräch gut verstanden und dann tatsächlich die Stelle bekommen. Von allen Stellen, die ich mir angeschaut habe, war das hier die Stelle, die mir am meisten zugesagt hat vom Thema, von den Leuten, von dem ganzen Drumherum. Und es ist schon der Plan tatsächlich, dass ich das jetzt durchziehe. Auch zukunftstechnisch, wenn ich mir überlege, was ich später machen möchte, wo ich hinmöchte, denke ich, ist so ein Doktortitel ganz hilfreich.
Christian Nehls: Du hast jetzt eben gesagt, dass dir das molekulare Arbeiten Spaß bringt. Kannst du mir kurz erklären, was du damit so konkret meinen könntest?
Rebecca Paintner: Ich finde es toll im Labor zu stehen, eine Pipette in der Hand zu halten, Sachen zu pipettieren, dann das, was man pipettiert hat, zu nehmen und dann zu schauen, was man damit machen kann, wenn man eine DNA isoliert, wenn man das dann wieder weiterverwenden kann und dann passieren verschiedene Sachen. Ich finde das faszinierend. Das macht mir Spaß.
Elisabeth Pfrommer: Warum hast du dich denn überhaupt entschieden zu promovieren? Also jetzt hast du schon gesagt, hast einfach sehr viel Spaß am Pipettieren, das könnte man ja aber auch in der Industrie machen.
Rebecca Paintner: Ja, das könnte man auf alle Fälle in Industrie machen. Ich weiß aber genauer, dass ich das nicht für immer machen möchte. Ich finde das jetzt noch toll. Ich weiß nicht, wie ich das in ein paar Jahren sehe, und ich denke mir, dass man mit so einem Doktortitel mehr Möglichkeiten hat, dann auch was zu machen, was nicht zwingend im Labor ist. Das war so ein Grund, dass ich mich eben für die Promotion und nicht für einen Job entschieden habe oder einen „richtigen“ Job in Anführungszeichen. Ich finde aber auch einfach die Forschung noch so spannend, dass ich sage, ich will das noch nicht aufgeben, ich würde gern noch mal was erforschen, mich in irgendein Thema richtig reinbeißen, mich da richtig gut auskennen und da denke ich, hat so ein PhD ganz gute Möglichkeiten.
Christian Nehls: Und danach dann Industrie oder überlegst du dann vielleicht auch, wenn es passt, der Wissenschaft zu bleiben?
Rebecca Paintner: Genau, das ist noch eine sehr große Überlegung. Vielleicht, wenn es passt, in der Wissenschaft zu bleiben, steht auf alle Fälle im Raum. Aber ich würde das auf alle Fälle abwarten. Ich habe gerade erst angefangen mit meinem PhD und wer weiß, was noch passiert bis dahin.
Elisabeth Pfrommer: Erstmal vielen Dank, dass du so einen Einblick in deine Bewegungsgründe gegeben hast. Jetzt wollen wir aber eigentlich zu deinem Dissertationsprojekt auch mal kommen. Du hast uns ja schon am Anfang verraten, dass du, oder wir haben das vielmehr verraten, dass deine Arbeit etwas mit Fliegen zu tun hat. Was genau willst du denn herausfinden? Rebecca Paintner (7:44) Ganz genau will ich herausfinden, inwieweit Fliegen, die man ja kennt, die eigentlich überall sind, wie die dazu beitragen können, dass antimikrobielle Resistenzen von dem Ort, wo sie aufgenommen werden, in die Umwelt verteilt werden können. Also ob was verteilt wird, wie das verteilt wird, wenn es verteilt wird und ob das überhaupt eine Rolle spielt.
Elisabeth Pfrommer: Warum ist das wissenschaftlich relevant? Wenn man jetzt weiß, die Fliege bringt ein antibiotikaresistentes Bakterium vom Stall in die Umwelt, bedeutet das jetzt erstmal was?
Rebecca Paintner: Falls es wirklich so sein sollte, dass das relevante Mengen sind, dann ist es natürlich relevant, weil wir diese antimikrobielle Resistenz haben, die ein großes Thema ist in der Medizin. Da wir eben Bakterien oder Viren oder andere Mikroorganismen haben, die dann resistent sind, was dazu führen kann, dass Behandlungen fehlschlagen. Und es ist natürlich auch so, dass diese resistenten Pathogene in verschiedenen Bereichen auftreten können und dann verbreitet werden können, unter anderem durch Insekten. Und in meinem Fall schaue ich mir eben spezifisch die Fliege an, die dadurch, dass sie fliegen kann und sich sehr schnell vermehren kann, potentiell ein guter Überträger für diese Resistenzen sein kann. Christian Nehls (8:54) Ich verstehe schon, dass das ein relevantes Thema ist. Was ist denn da jetzt schon bekannt? Also du fängst ja nicht sozusagen ganz von vorne an, vermutlich, sondern es gibt ja schon irgendwie eine Ausgangslage, was in der Wissenschaft schon untersucht ist.
Rebecca Paintner: Ich muss nicht ganz bei null anfangen. Man weiß schon, dass Fliegen Bakterien aufnehmen können und auch resistente Bakterien aufnehmen können, weil die Resistenz in den Bakterien sitzt und die transportieren können. Es gibt Studien, die zeigen, dass Fliegen Lebensmittel kontaminieren können mit diesen Bakterien oder auch Oberflächen, wenn sie davor Kontakt mit kontaminierten Lebensmitteln hatten. Die Übertragung kann durch verschiedene Varianten passieren. Einerseits kann einfach Bakterien, die auf der Oberfläche der Fliege sind, die können abfallen. Aber auch durch die Aufnahme von diesen Bakterien über die Nahrung haben wir diese Bakterien ja in der Fliege drin. Das kann dann entweder durch den Kot der Fliege potenziell verteilt werden oder durch Regurgitat. Das Regurgitat ist ein Mechanismus von der Fliege, die nur flüssige Nahrung aufnehmen kann. Die stülpt im Prinzip ihren Mageninhalt auf die Nahrung, schlabbert das wieder auf und dann hat sie die Nahrung damit aufgenommen. Es gibt auch Studien, die zeigen, dass Fliegen resistente Bakterien aufgenommen haben mit Resistenzen gegen Antibiotika, die auch für Menschen relevant sind. Wie lange die Bakterien auf den Fliegen überleben, ist teilweise abhängig davon, in welchem Lebenszyklus sich die Fliege befindet, aber auch welche Bakterien das sind. Und dann, am Anfang wurde ja schon diese Citizen-Science-Studie erwähnt, man hat eben zeigen können, dass Bakterien von einem Ausgangsort bis zu zwei Kilometer entfernt noch auftauchen können. Das ist so das, was ich bisher als Ausgangslage gefunden habe.
Elisabeth Pfrommer: Das ist ja schon mal eigentlich eine sehr gute Ausgangslage, um sozusagen zu argumentieren, warum das Projekt relevant ist. Aber was ist denn jetzt der neue Aspekt von deiner Forschung?
Rebecca Paintner: Was ich mir spezifisch anschauen möchte, ist einerseits die Populationsdynamik von Fliegen. Wann haben wir besonders viel Fliegen, wann weniger Fliegen, welche Faktoren zählen damit rein? Das ist natürlich relevant, damit wir sehen können, wenn wir bestimmte Populationsgrößen haben, kommt es dazu, dass Fliegen vom Ursprungsort wegfliegen. Normalerweise, bei geringen Populationsgrößen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie wegfliegen, eher geringer, da es ausreichend Nahrung, Artgenossen und alles gibt, was diese Fliegen zum Leben brauchen. Andererseits wissen wir zwar, dass diese Fliegen Bakterien über Regurgitate und Kot absondern können. Nur wie viel über den Kot und das Regurgitate ausgeschieden wird und in welcher Frequenz und von was das alles abhängt. Das ist noch nicht so bekannt. Das ist das, was ich mir jetzt zunächst mal anschauen möchte, um diesen Übertragungsmechanismus oder potenziellen Übertragungsmechanismus genauer zu verstehen.
Christian Nehls: Das hört sich sehr spannend an. Was mir noch nicht so ganz klar ist, ist, wie genau willst du diese Sachen untersuchen? Also einmal hast du ja die Populationsdynamik erwähnt und einmal auch sozusagen, die konkreten Fragen zu dem Ausscheiden oder Abgeben von Bakterien.
Rebecca Paintner: Die Populationsdynamik schaue ich mir an, indem ich eine gewisse Menge an Fliegenfallen aufgehängt habe, die dann die Fliegen über einen gewissen Zeitraum fangen. Nach dem Zeitraum werden die Fliegenfallen getauscht und das Ganze läuft über einen relativ langen Zeitraum von mehreren Monaten, um eben auch Jahreszeiten bedingte Unterschiede feststellen zu können. Die Fliegenfallen werden dann gesammelt und dann ausgewertet, um zu schauen, wie viele von diesen Stubenfliegen eben drauf sind. Dabei nehme ich auch noch andere Daten auf, wie Temperatur und Luftfeuchtigkeit und kann dann bestimmen, welche Faktoren besonders viel dazu beitragen. Die andere Sache, mit deren Ausscheidungen, findet im Labor statt. Dazu züchte ich mir Fliegen im Labor und bin gerade tatsächlich dabei, dieses Experiment genau zu planen. Ich möchte die Fliegen mit einer bestimmten Menge an Pathogenen füttern und dann auf eine Platte setzen und testen, wie oft kommt es zu einem Regurgitations-Event wie oft es zum Koten kommt. Diese Flecken, die dabei entstehen, möchte ich aufnehmen und schauen, wie hoch ist die Bakterienbelastung in diesen.
Elisabeth Pfrommer: Du hast ja gerade erzählt, du die Fliegen fütterst mit Bakterien. Wie realitätsnah ist das denn? Also hast du da eine sehr hohe Bakterienlast? Oder findet man im Stall tatsächlich so hohe Bakterienlasten pro Punkt? Eigentlich ist die Frage, wie nahe kommst du an die Realität mit deinen Laborversuchen?
Rebecca Paintner: Sehr gute Frage. Ich möchte meine Fliegen schon mit einer Menge an Bakterien füttern, die man auch schon in der Natur gefunden hat. Wenn ich das im Labor mache, kann ich natürlich alle anderen Faktoren besser beeinflussen, um zu sagen, dass was im Regurgitat ist, beziehungsweise im Kot und die Frequenz ist in dem Fall nur abhängig davon, was ich gefüttert habe und nicht von weiteren Faktoren. Es ist auch so, dass die Fliegen und die Fliegenlarven bestimmte Menge an Bakterien brauchen, um sich überhaupt zu entwickeln. Dementsprechend habe ich auch keine sterilen Fliegen und kann somit schon sagen, ich habe relativ nahe Naturbedingungen.
Christian Nehls: Ist es denn eigentlich so, dass Fliegen Oberflächen oder Proben mit Bakterien drin auch irgendwie riechen können oder so? Wenn du sagst, Bakterien sind doch irgendwie schon wichtig für die. Können die das wahrnehmen, wenn irgendeine Probe besonders bakterienbelastet ist?
Rebecca Paintner: Das weiß ich tatsächlich gar nicht genau. Es gibt schon Unterschiede in männlichen Fliegen und weiblichen Fliegen, was die an Futter bevorzugen. Und es gibt einige Studien, die eben gezeigt haben, dass die Larvenentwicklung nur ordentlich stattfinden kann, wenn Bakterien im Futter vorhanden sind. Aber ob es da chemische Varianten gibt, wie die Fliegen das wahrnehmen, ob sie das riechen können, das weiß ich leider nicht.
Christian Nehls: Eine andere Frage habe ich auch noch. Diese Populationsstudien, da hattest du gesagt, dass die Versuche über mehrere Monate gehen. Das ist ja noch was ganz anderes als jetzt einmal Fliegen im Labor zu füttern und dann zu gucken, was dabei rauskommt. Solche Versuche, die über mehrere Monate laufen, muss man ja im Vorfeld gut planen und wenn man da etwas nicht bedacht hat, dann fängt man am Ende vermutlich noch mal ganz von vorne an. Also ist da schon irgendwie ein großer Druck vermutlich, an alle Sachen gedacht zu haben. Hast du deine Strategie oder wie geht man an sowas ran?
Rebecca Paintner: Ja, hervorragende Frage. Ich muss gestehen, ich hab das geplant und dann wurde mir mitgeteilt, dass die erste Planung nicht ganz so günstig war, wie ursprünglich gedacht. Und hab dann alles nochmal umgeplant, auch dann nochmal Rücksprache gehalten, dass das alles so passt. Aber ja, es ist natürlich Druck da, dass das alles so funktioniert. Es ist wirklich viel Arbeit, kostet viel Zeit für alle Beteiligten. Das ist natürlich dann schön, wenn am Ende was rauskommt und man nicht dasteht und denkt, ja eigentlich hätten wir es doch anders machen müssen.
Elisabeth Pfrommer: Eine Promotion dauert ja auch immer recht lange und das ist auch sehr anstrengend oft. Und vor allem hat man ja auch immer, wie du schon sagst, den Druck, dass es dann auch funktionieren muss. Welche Eigenschaften von dir helfen dir denn in solchen Situationen und welche würdest du sagen, das wäre besser, wenn ich nicht so ticken würde?
Rebecca Paintner: Ich fang mal mit dem Positiven an. Ich glaube, ich kann einigermaßen stur sein. Wenn ich ein Problem hab, kann ich mich da richtig reinverbeißen und dann auch nach dem fünften Fehlschlag noch sagen, ich möchte das jetzt aber rausfinden, ich möchte wissen, warum es nicht geklappt hat, ich möchte, dass es am Ende noch klappt. Ich würde auch sagen, dass ich relativ gut bin, meine Zeit einzuteilen, Deadlines einzuhalten und grundsätzlich so organisatorisches Zeug mir ganz gut liegt. Ich kann allerdings auch bisschen ungeduldig sein. Ich würde gerne gleich Schritt 3 gemacht haben, bevor ich Schritt 1 überhaupt ordentlich gemacht habe und Schritt 1 läuft. Von dem her muss ich mich da manchmal ein bisschen zügeln, um zu schauen, dass ich Schritt für Schritt vorgehe und alles der Reihe nach mache.
Christian Nehls: Ja, du arbeitest ja an zwei verschiedenen Instituten, wir gehört haben. Einmal dem Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung und zum anderen dem Leibniz-Institut DSMZ. Das ist ja die Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH. Und das erste ist in Müncheberg in Brandenburg und das andere in Braunschweig. Wie läuft das denn so praktisch ab? Also du wirst ja nicht an beiden Orten gleichzeitig sitzen.
Rebecca Paintner: Nein, ich kann mich leider nicht zweiteilen, auch wenn das manchmal hilfreich wäre. Ich sitze tatsächlich überwiegend in Braunschweig, in der DSMZ. Ich habe hier meinen Büroplatz, habe meinen Laborplatz und bin hier auch an der Universität eingeschrieben für die Promotion. In Müncheberg ans ZALF, von dort habe ich viel Unterstützung und kann auch, wenn Bedarf besteht, dort mal für einen Forschungsaufenthalt hinfahren. Bin aber wirklich überwiegend in Braunschweig.
Elisabeth Pfrommer: Nimm uns doch mal mit in so einen typischen Arbeitstag. Was liegt denn gerade auf deinem Schreibtisch?
Rebecca Paintner: Aktuell auf meinem Schreibtisch liegt noch die Planung für mein Expeditionsexperiment. Das möchte ich jetzt bald abgeschlossen haben, damit ich dann bald anfangen kann. Sonst läuft mein Tag in der Regel so ab, ich komme ins Büro und schaue dann erstmal nach meinen Fliegen, ob genug Futter da ist, ob sie Eier abgelegt haben und kümmere mich erstmal darum. Dann bin ich eben aktuell viel am Planen und gehe dann wieder in mein Büro und lese wieder Paper, um zu schauen, was andere Studien schon gemacht haben, wie ich das, was die gemacht haben, für meine Forschung umsetzen könnte. Schreib ganz viel zusammen. Und dann ist oft der Tag auch schon schneller rum, als man schauen kann.
Christian Nehls: Kannst du vielleicht noch einmal etwas ein bisschen erklären, wie dieses Feldexperiment aussieht? Konkret? Du hängst ja Fliegenfallen auf. Wo genau hängst du die auf? Wie viele sind das?
Rebecca Paintner: Ich hänge diese Fallen in einem Betrieb auf, der mit uns kooperiert. Insgesamt sind es inzwischen 60 Fallen, damit wir ausreichend Wiederholungen haben, um dann am Ende eine statistische Auswertung zu machen. Davon hängen 6 Fallen draußen, um zu schauen, wann schwärmen diese Fliegen nach draußen, wann sind sie nicht draußen? Und dann sind eben die restlichen 54 Fallen in dem Betrieb, dabei jeweils sechs Fallen in einem Abteil und dann die restlichen sechs Fallen auf dem Flur, um zu schauen, ob es da Unterschiede gibt.
Christian Nehls: Wenn du sagst Betrieb, das ist dann ein landwirtschaftlicher Betrieb richtig? Da werden Schweine gehalten, oder?
Rebecca Paintner: Ja, genau, es ist ein Schweinemastbetrieb.
Christian Nehls: Und letzte Frage, wie sehen denn diese Fallen aus? Sind das einfach glatte weiße Blätter, die mit Leim bestrichen sind?
Rebecca Paintner: Es sind keine glatten weißen Blätter, es sind gelbe Fallen. Es sind die ganz typischen Gelbfallen, die man auch aus dem Supermarkt kennt.
Elisabeth Pfrommer: Das heißt, deine Fallen selektieren eigentlich nicht schon vorher, sondern du selektierst danach, welche Arten du darauf hast.
Rebecca Paintner: Genau, ich selektiere danach, welche Arten drauf sind und wie viele von jeder Art drauf sind und kann das dann in meine Endauswertung einziehen.
Elisabeth Pfrommer: Es ist ja dann aber kein typischer Arbeitstag von dir, so wie ich das verstanden habe. Deswegen verwendest du wahrscheinlich auch diese Fallen nicht täglich. Aber was würdest du denn sagen, sind so Software und Werkzeuge, die du täglich nutzt?
Rebecca Paintner: Täglich nutze ich zum Paper lesen und Paper sortieren, benutze ich Sotero, ein Zitationsprogramm, und Word, um aufzuschreiben, was ich mir gedacht habe, damit ich das nicht gleich wieder vergesse. Im Labor selber benutze ich viel an Milchzuckerlösungen, mit dem ich meine Fliegen füttere, und Kleintierstreue, damit die Fliegen nicht in der Milchzuckerlösung ertrinken. Genau und hoffe, dass ich bald auch dann wieder öfter eine Pipette in der Hand halten kann und ganz viel Agar-Platten, um meine Bakterien hochzuziehen.
Christian Nehls: Und wenn wir jetzt auch schon dabei sind, über deinen Arbeitsalltag zu sprechen. Sitzt du allein in einem Zimmer, sitzt du zusammen mit Kolleg*innen und im Labor, ist es da eher Teamarbeit oder arbeitest du alleine an diesem Projekt?
Rebecca Paintner: An dem Projekt an sich arbeite ich alleine. Ich kriege eben viel Unterstützung von Supervisoren und anderen Leuten in der Arbeitsgruppe. Ich habe tatsächlich den Luxus, ein Labor ganz für mich alleine zu haben. Da kann ich in Ruhe meine Fliegen züchten und dann auch die Experimente durchführen. Im Labor werde ich auch ganz stark von unserer technischen Assistentin unterstützt. Und im Büro sitze ich auch mit zwei sehr netten anderen PhD-Studentinnen, die auch jederzeit bereit sind, mal über das Projekt zu reden oder gegenseitig mal fragen, was man denn über die Abbildung XY gerade denkt.
Elisabeth Pfrommer: Du bist jetzt ja schon ein paar Monate dabei. Ist das Promovieren so, wie du dir das vorgestellt hast?
Rebecca Paintner: Irgendwo schon, irgendwo auch nicht. Ich hatte bisher immer die Erfahrung gemacht, dass ich meine Experimente immer schon schön geplant vor mir hingelegt hatte. Und das jetzt selber zu machen ist tatsächlich deutlich schwieriger, als ich mir das vorstellen konnte. Aber ich finde es auch ganz cool, das selber machen zu können. Dann weiß man genau, warum man macht, was man macht und kann vielleicht leichter am Ende feststellen, warum es nicht geklappt hat.
Christian Nehls: Genau. Gab es jetzt noch irgendwas bezogen auf die Promotion, was dich besonders überrascht hat, wo du überhaupt nicht mit gerechnet hast?
Rebecca Paintner: Würde ich jetzt nicht sagen. Ich habe davor schon mit anderen Promovierenden geredet und auch mit Postdocs geredet und hatte schon, glaube ich, ein ganz gutes Gefühl, worauf ich mich einlasse.
Christian Nehls: Ja, du hast ja erzählt, dass dich überrascht hat oder dass du nicht so ganz damit gerechnet hast, wie kompliziert es ist, die Sachen selber zu planen. Das erinnere ich auch so, das sehe ich auch häufig in Promotionsarbeiten, wo man dann erstmal irgendwie alleine dasteht und ich glaube, das gehört auch einfach irgendwie dazu, dass man so zu einem Stück weit alleine gelassen wird und erstmal schauen muss, wie man sich selber organisiert und wie man ein Projekt organisiert, denn darum geht es ja auch am Ende, dass man durch eine Promotion befähigt werden soll, ein eigenes Projekt zu organisieren und dann am Ende eine ausgebildete Wissenschaftlerin zu sein.
Rebecca Paintner: Ja genau.
Christian Nehls: Genau, dann zum Abschluss nochmal ein Blick nach vorne. Wo stehst du denn jetzt gerade und wo möchtest du in einem Jahr sein?
Rebecca Paintner: Ich würde sagen, aktuell bin ich noch sehr am Anfang. bin eben noch am Experimente planen und noch irgendwie Routine finden. Und in einem Jahr hätte ich aber tatsächlich gerne die ersten Experimente abgeschlossen und auch gerne einen Plan, wie ich meine weitere Promotion gestalten möchte. Und wenn alles gut geht, vielleicht auch schon das erste oder würde gerne schon am ersten Paper arbeiten.
Elisabeth Pfrommer: Wenn du so in die Zukunft guckst, worauf freust du dich am meisten?
Rebecca Paintner: Tatsächlich gerade wieder im Labor stehen zu können, zu pipettieren, dieses Experiment jetzt zu starten. Auf längere Sicht freue ich mich dann aber auch, die Forschung auf Konferenzen vorzustellen und mit anderen Wissenschaftler*innen in Kontakt zu treten.
Christian Nehls: Hast du schon konkretere Pläne, was das für Konferenzen sein werden?
Rebecca Paintner: Jetzt im September findet hier in Braunschweig eine Konferenz vom Young One Health Forum statt. Das gehört zum Helmholtz Zentrum für One Health. Da möchte ich gerne dabei sein. Und dann sind von unserem INFECTIONS Verbund auch zweimal im Jahr die Meetings, bei denen man natürlich auch wieder seine Fortschritte vorstellt und mit anderen Wissenschaftlern in Kontakt tritt, die einen dann auch schon kennen, mit denen man kooperieren kann. Das ist das, was aktuell geplant ist.
Elisabeth Pfrommer: Vielen Dank Rebecca für diesen Einblick in den Start deiner Promotion. In der nächsten Folge schauen wir genauer auf deine Methodik und erste Erkenntnisse und aktuelle Herausforderungen. Und wenn euch diese Folge gefallen hat, abonniert den Podcast und schreibt uns eure Fragen an Rebecca. Dann versuchen wir diese in der nächsten Folge aufzugreifen.
Christian Nehls: Vielen Dank, dass du da warst. Tschüss und bis zum nächsten Mal.
Rebecca Paintner: Vielen Dank, dass ich da sein dürfte. Danke euch. Ciao!
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